Guédelon, oder: Wie baut man eine Burg?

Das Burgbauprojekt Guédelon ist ein interessantes Beispiel für nachhaltiges Bauen, denn hier wird auf Bauweisen gesetzt, die sich sowohl in der Methodik als auch in den Ressourcen am mittelalterlichen Burgenbau orientieren. Natürliche Baumittel, wie etwa ein selbstgemachter Kalkmörtel, treffen auf historisch korrekte Details, wie etwa Fenster aus Pergamenthaut. Das Ganze wird abgerundet durch einen bis aufs kleinste Detail korrekt konstruierten historischen Rahmen. Wir haben es hier etwa mit der Zeit ab 1229 n. Chr. zu tun — mehr dazu weiter unten. Was als eine verrückte Idee begann, ist heute, mehr als zwanzig Jahre nach Baubeginn, eine der spannendsten Baustellen Europas — und, obwohl nicht die einzige ihrer Art, doch eine der bekanntesten. Was Guédelon sicherlich auszeichnet, ist die ständige Vergewisserung der Planer, dass sie historisch korrekt an alle Herausforderungen herangehen und so bauen, wie es die Menschen im Mittelalter auch getan hätten. Dafür werden in regelmäßigen Abständen wissenschaftliche Studien zu Rate gezogen und Wissenschaftler in die Planung der Burg von Guédelon involviert.


Ein hypothetischer Burgherr und eine lange Bauzeit

Als die Initiatoren des Projekts Guédelon, malerisch gelegen in der französischen Gemeinde Treigny in Burgund, 1997 mit ihrer Arbeit begannen, stellten sie sich die Frage, “für wen” sie eigentlich bauen. Sie waren der Ansicht, dass es ihre Arbeit erleichtert, wenn sie sich einen hypothetischen Bauherrn ausdenken, der zu einer gewissen Zeit des Mittelalters lebte und über ein ganz spezifisches finanzielles Budget verfügte. Denn sowohl die Erbauungszeit als auch die monetären Möglichkeiten prägten die Konstruktion und das Aussehen aller Burganlagen des Mittelalters, die wir heute noch bewundern können. War ein Burgherr unermesslich reich, so sah seine Burg unweigerlich anders aus als wenn er sehr sparsam planen musste. Um möglichst geschichtstreu vorgehen zu können, definierte man das erste Baujahr als 1229. Jedes Jahr der “Jetztzeit” wurde (und wird) anschließend addiert – gehen wir also davon aus, dass man 2023 tatsächlich mit dem Bau fertig ist, so wäre die historische Fertigstellung im Jahr 1255 erfolgt.

Eine kurze Exkursion zum Ort: Die Gemeinde Treigny liegt, wie schon erwähnt, in Burgund, eine sehr weitläufige Landschaft, zentral in Frankreich und bis 2015 eine eigenständige Region (seither ​​bildet sie mit Franche-Comté die Region Bourgogne-Franche-Comté). Seit 534 steht die Bezeichnung “Burgundia” für ein fränkisches Teilreich. Zur Zeit des fiktiven Burgenbaus und bis kurz nach 1360 wurde das Herzogtum Burgund von einer Seitenlinie des französischen Königshauses, den Kapetingern, regiert. Treigny ist übrigens eine sehr kleine Ortschaft (weniger als 1.000 Einwohner) und liegt am Fluss Vrille.

Das für den Beginn des Burgenbaus stehende Jahr 1229 wählte man im Wesentlichen aus zwei Gründen:

  • Zu dieser geschichtlichen Zeit hätten die Menschen wohl automatisch versucht, die bevorzugte Bauweise der damaligen Könige von Frankreich konkret nachzuahmen. Dadurch ist der Baustil der Burg von Guédelon bereits vorbestimmt.
  • Die politischen Verhältnisse zum Ende der 1220-Jahre ermöglichen es außerdem, einen fiktiven “Herrn von Guédelon” zu erschaffen, der als Auszeichnung für seine kriegerischen Einsätze von seinem Kriegsherrn eine Belohnung erhielt, welche ihn erst zum Burgbau befähigte.

Diese fiktive Festlegung gibt Aufschlüsse darüber, welche Baumaterialien Verwendung finden dürfen. So geht man davon aus, dass der fiktive Herr von Guédelon in der Lage gewesen wäre, einen Burgbau mit Steinen zu finanzieren – aber da er kein mächtiger Gebietsherr gewesen wäre, hätten wohl auch seine finanziellen Mittel irgendwann ein Ende gefunden. Daraus ergibt sich, dass die fleißigen Erbauer der Jetztzeit zwar mit guten, soliden Materialien arbeiten können aber dennoch sparsam planen und mit ihrem Ressourcenverbrauch eher sorgsam umgehen müssen.


Europäischer Austausch – bereits im Mittelalter

Wir wissen heute, dass es bereits zu den unterschiedlichen Epochen des Mittelalters einen regen Austausch zwischen vielen europäischen Regionen gab und an diesen Brauch knüpfen die Planer und Bauer von Guédelon heute bewusst an. So gibt es in Deutschland den sogenannten Campus Galli, eine Klosterbaustelle, die es sich ebenfalls zum Ziel gesetzt hat, historisch korrekt und ökologisch zu bauen.

Ein anschauliches Beispiel: Die Planer von Guédelon konnten lange Zeit nicht genau sagen, ob und wie man im Mittelalter Fenster verglaste. Die leeren Fensterrahmen aus Stein erschienen sowohl unvollständig als auch völlig ungeeignet, die kalten Jahreszeiten in Europa angemessen durchzustehen. Eine wissenschaftliche Studie lieferte schließlich die Antwort, dass es zur Zeit des fiktiven Herrn von Guédelon üblich war, Fenster-Holzrahmen mit Pergamenthaut zu nutzen, die sehr praktisch in der Anwendung waren und üblicherweise mit dem Burgherrn auf Reisen gingen, wenn er gerade nicht zu Hause in seiner Burg weilte. Da die Experten des Campus Galli bereits mehr Erfahrungen mit dem Erschaffen dieser Pergamenthaut-Fenster hatten, traf sich das Guédelon-Team dort vor Ort, um sich auszutauschen und sich hinsichtlich der Spezifikationen und des Einbaus zu informieren. Eine der nützlichen Informationen, die man ausgetauscht hat: Durch eine spezielle Verarbeitung der dünnen Pergamenthaut kann es gelingen, das ansonsten undurchsichtige Material so zu verändern, dass es schließlich immer durchsichtiger wird, wobei auch die richtige Spannung im Holzrahmen beiträgt. Anders als im Campus Galli ist es in Guédelon vorgesehen, die Pergamenthaut-Fenster zusätzlich zu bemalen, worum sich dort eine eigens engagierte Künstlerin kümmert, die ausschließlich historisch korrekte Farben verwendet. Auf diese Weise dreht sich das Rad des gegenseitigen Austauschs von Erfahrungen und Ideen immer weiter.

Eine Unterkunft, die sehr nah an Guédelon liegt

Ihr findet in unserem Angebot übrigens eine Unterkunft, die so nah an Guédelon liegt, dass es euch ohne Weiteres möglich ist, diese faszinierende Baustelle noch vor Fertigstellung der Burg zu besuchen. Unser familienfreundliches Baumhaus im Loiretal befindet sich inmitten der Natur, nicht weit entfernt vom Schloss St. Fargeau, in welchem regelmäßig die historische Veranstaltung “son et lumières” („Klang und Licht“) stattfindet. Das Baumhaus wurde durch euren Gastgeber Erik nachhaltig, mit natürlichem, unbehandeltem Holz erbaut und ist zudem ausgesprochen gut isoliert. Um eine größtmögliche Naturverbundenheit zu ermöglichen wurden Trockentoiletten installiert und anstatt einer elektrischen Beleuchtung erhellt der Kerzenschein die Lodge.

Quellen

Als umfangreichste Quelle dieses Artikels möchten wir euch auf die fantastische Arte-Dokumentation mit dem Titel “Burgen bauen im 21. Jahrhundert” verweisen. In dieser Dokumentation erfahrt ihr in 90 Minuten alles Wissenswerte über das Projekt in Guédelon sowie über vergleichbare Projekte, etwa dem des Campus Galli. Viel Spaß beim Entdecken und Eintauchen in eine faszinierende Zeit, die nun bereits über 700 Jahre zurückliegt.

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