Sachsen – über Ressentiments und wieso diese nicht pauschal zutreffen

Normalerweise verfassen wir die Seiten und Artikel dieses Blogs nicht in der ersten Person, doch wenn wir jemanden zu Wort kommen lassen, der sich mit der beschriebenen Thematik auf sehr persönliche, vielleicht auch streitbare Art auseinandersetzt, machen wir hiervon gerne einmal eine Ausnahme. Das kommt regelmäßig bei unseren unterschiedlichen Gastgebern oder Reiseexperten vor Ort vor, aber gelegentlich auch bei unseren internen Autoren. Mein Name ist jedenfalls Patrick, ich schreibe seit einiger Zeit für myecostay und seit wiederum nicht so langer Zeit bin ich Sachse. Als gebürtiger Bayer fällt es mir immer noch schwer, das so klar zu benennen, aber im Sinne der Konfrontationstherapie wiederhole ich mich: Ich bin Sachse. Im Sommer 2020, mitten in der disruptiven, beinahe alles verändernden Corona-Pandemie, bin ich von Nürnberg nach Leipzig gezogen und habe seit dieser Zeit auch das gesamte Bundesland Sachsen in seinen unterschiedlichsten Facetten kennengelernt. Hier geht es nicht nur um meine eigenen Eindrücke, sondern auch um die touristischen Möglichkeiten, die Sachsen bietet, das vielseitige ökologische Engagement der Einwohner Sachsens und nicht zuletzt darum, wieso es über dieses östliche Bundesland so viele Ressentiments gibt – und wieso diese nicht pauschal zutreffen.


Mein Leipzig

Fangen wir mit meiner Wahlheimat an: Leipzig ist mit fast 600.000 Einwohnern die größte Stadt Sachsens, dicht gefolgt von der Landeshauptstadt Dresden (knapp 560.000 Einwohner), und deutlich vor dem südlich gelegenen Chemnitz (250.000 Einwohner). Somit könnte Leipzig also maßgeblich für das stehen, was das Bundesland Sachsen in der öffentlichen Wahrnehmung ausmacht. Das jedenfalls wäre eine logische Annahme und diese liegt gleichzeitig fernab jeglicher Realität. Leipzig hat seit den Zeiten der Wiedervereinigung, also seit den frühen 1990er Jahren, einen grundlegenden Wandel sowie ein fulminantes Bevölkerungswachstum erlebt. Den Wandel kann man unter anderem an der fantastischen, einprägsamen Architektur festmachen; so wurden erhebliche Teile der Stadt liebevoll und historisch saniert, auf einen modernen Wohnstandard gebracht, ohne dabei den historischen Charme der traditionellen Altbaubestände feilzubieten. Viele Teile der momentan angesagten Stadtviertel bestehen aus historischen Gründerzeit-Villen und klassizistisch anmutenden Stadthäusern, die, in moderne Wohnungen untergliedert, heute sowohl attraktiven als auch vergleichsweise günstigen Wohnraum bieten. Natürlich ist Gentrifizierung auch in Leipzig ein Problem mit gewisser, realer Tragweite, nicht selten finden sich im Straßenbild eher unpassend wirkende Neubauten mit Graffiti oder Farbbeuteln beschmiert, und in der politischen Szene der Stadt herrscht eine rege Diskussion darum, wie man auch weiterhin für bezahlbaren Wohnraum sorgen kann, ohne den Zuzug neuer Menschen zu erschweren. Günstige Mieten waren und sind im Übrigen der Treibstoff des Bevölkerungswachstums Leipzigs, zu den „Neu-Leipzigern“ gehören vor allem junge Menschen – darunter viele Studenten aber auch Künstler. Heute sind über 50 % der Leipziger jünger als 40 Jahre und dieser Trend könnte durch ein relativ hohes Geburtenniveau sowie die deutschlandweit angesehenen, akademischen Möglichkeiten in Leipzig noch steigen. Das niedrige Durchschnittsalter der Einwohner Leipzigs manifestiert sich wiederum im bunten Straßenbild, im Angebot an Kunst und Kulinarik, an liebevollen kleinen Boutiquen, Platten-, Tattoo- und anderen Läden, an den boomenden Stadtvierteln Connewitz, Plagwitz und Südvorstadt (auf deren Straßen man mit Englisch mindestens genauso weit kommt wie mit Deutsch), und allgemein an der sympathischen Begrüßungskultur, die letztlich auch eine Verbindung zur jahrhundertealten Geschichte der Stadt hat. Denn Leipzig ist vor allem als Messestadt zu frühem Reichtum und einer hohen Bedeutung weit über das Königreich Sachsen hinaus gekommen.

Dieses prickelnde Gefühl, dass in Leipzig etwas grundlegend in spannender Veränderung ist, führte in den letzten Jahren viele Menschen zu interessanten Parallelen. So wurde 2014 von der New York Times schlichtweg berichtet, Leipzig könne quasi zum „Neuen Berlin“ werden – und auch die nicht unübliche Bezeichnung „Hypezig“ spielt diesem Vergleich zu. Ich persönlich halte nichts davon, meine neue, übersichtliche Heimat mit der Weltstadt Berlin zu vergleichen, zu verschieden sind hier vor allem die quantitativen Ressourcen. Als ich aber eines Abends weit nach 23 Uhr auf dem Weg zu einem Späti war, mir dabei eine völlig unbekannte junge Frau einen Flyer für einen Underground-Rave in die Hand drückte und ich schließlich fast stolperte, weil sich einer meiner Straßennachbarn bemüßigt gefühlt hatte, den Bürgersteig kurzerhand in einen Flohmarkt zu verwandeln, dachte ich mir, ich könne mit dem Vergleich „Kleines Berlin“ vielleicht leben. Belassen wir es dabei. Ich lebe seit einem Jahr in Leipzig und kann, auch nach längerer Überlegung, nicht viel Schlechtes über diese Stadt berichten. Klar, der rasante Bevölkerungszuwachs hat auch seine Schattenseiten, so herrscht in Leipzig quasi standardmäßig Fachärztemangel und ich kann nur davon abraten, zu versuchen, einen Hautarzt-Termin zu vereinbaren. Neigt man nicht zu Hautkrankheiten, so ist Leipzig sowohl als Wohnort als auch als touristisches Ziel (mit bestenfalls etwas längerer Aufenthaltsdauer) bedingungslos zu empfehlen.


Über Dresden und sächsische Fremdenfeindlichkeit

Ich verbinde mit Dresden unterschiedlichste, teils intensive Gefühle und kann verstehen, wenn man Dresden mag – oder eben auch nicht mag. Im Grunde kommt in Dresden jedermann auf seine Kosten; daran wird es also nicht scheitern. Die pittoreske, liebevoll wiederaufgebaute Altstadt ist bereits aufgrund ihrer international bekannten Bauten ein Pflichtbesuch für Reisende; so finden sich innerhalb eines sehr engen Radius die Frauenkirche, der Dresdner Zwinger, die Semperoper und das Historische Grüne Gewölbe. Trotz dieser imposanten, architektonischen Umgebung residiert die Landesregierung zwar ebenfalls im direkten Altstadtring, direkt an der Elbe, allerdings in einem auffällig unauffälligen, schmucklosen – man kann annehmen bewusst bescheiden gehaltenen – Zweckbau, nicht ohne für repräsentative Staatszwecke stets einige Räume im zentral gelegenen Oberlandesgericht reserviert zu halten. Dresden bietet über das Jahr verteilt einige bekannte und spannende Events, davon möchte ich die Filmnächte am Elbufer ausdrücklich erwähnen und empfehlen. Die Sehenswürdigkeiten Dresdens sind praktischerweise so kompakt auf wenig Raum zusammengepresst, dass man während eines Tages (mit mehreren großzügigen Pausen) alles sehr entspannt und eingehend besichtigen kann, was mich zu einem zugegebenermaßen auch subjektiven Resümee führt: Ich finde Dresden vergleichsweise langweilig. Das, was in Leipzig in hoher Frequenz vibriert, ist in Dresden höchstens ein unregelmäßiges Zucken.

Wenn wir nun thematisch bei der Landeshauptstadt Dresden sind, so muss ich das weiter oben angesprochene Thema der Begrüßungskultur noch einmal streifen. So weltoffen, divers und politisch links Leipzig als die größte Stadt Sachsens ist, so wenig repräsentativ sind diese Eigenschaften wohl für das Bundesland Sachsen. Selbst Dresden, das etwa mit der Neustadt ein sehr junges und buntes Stadtviertel vorweisen kann, wurde durch die unsägliche Bewegung Pegida zu so etwas wie der städtischen Repräsentation von Fremdenfeindlichkeit in Deutschland. Woran liegt das? Auch wenn ich mich als „Wessi“ nicht berufen fühle, über die Empfindsamkeiten der Ostdeutschen zu schreiben, vermute ich, dass Veränderung und Wandel schlichtweg Angst machen. Dresden, also das ehemalige „Florenz an der Elbe“ hat in den vergangen 100 Jahre in einem Maß gelitten wie keine andere Großstadt Deutschlands, war permanenten politischen Veränderungen unterworfen und ging aus den meisten in unterschiedlicher Form als klarer Verlierer hervor. Wenn sich also nach Nazi-Zeit und Zerbombung, DDR-Regime und 4 Währungen in 57 Jahren, nach dem erniedrigenden Gefühl, mit dem Turbokapitalismus des Westens nicht mithalten zu können, nun auch noch das Bedrohungsgefühl einer steigenden Zuwanderung fremder Menschen einstellt, erzeugt das so starke Ressentiments, dass diese (oftmals) in Hass umschlagen. Das kann keine Entschuldigung sein – aber vielleicht eine Erklärung. So findet sich der Fremdenhass in Sachsen vor allen auch in solchen Gebieten, die mit einer hohen Arbeitslosigkeit oder anderen strukturellen Problemen zu kämpfen haben, was im Osten für die Städte Görlitz und Bautzen, im Süden für Plauen, aber eben auch für manche Teile Dresdens zutrifft. Gleichzeitig sind dies – und nach diesem Satz steht bewusst ein Ausrufezeichen – gesellschaftliche Teilerscheinungen! Der weitaus größte Teil der Menschen in Sachsen begrüßen Diversität und neue Einflüsse. Vielleicht prozentual nicht in dem Ausmaß, wie es die Menschen in der gesamten Bundesrepublik tun, aber es wäre ein logischer Fehler, den Sachsen eine pauschale Fremdenfeindlichkeit zu attestieren.


Für Instagram: Rakotzbrücke und Görlitz

Fernab der Städte Leipzig, Dresden und Chemnitz hat das ländliche Sachsen einen ganz eigenen Reiz, viel dichten Wald, eine weitläufige Landschaft, kurz, alles, was man an einer erholsamen Umgebung erwarten möchte. Sehr bekannt ist dabei natürlich die Sächsische Schweiz, über die bereits alles Wissenswerte geschrieben und alles Anschauliche auf Postkarten gedruckt wurde, deshalb möchte ich hier stattdessen einen ländlichen Geheimtipp vorstellen. So „geheim“ ist dieser durch die mediale Aufmerksamkeit der letzten Jahre zwar nicht mehr – aber dennoch ist die Rakotzbrücke (oder auch „Azaleen- und Rhododendronpark Kromlau“ wie der Landschaftspark im Landkreis Görlitz heißt) erst seit Ende 2020 wieder vollumfänglich und ohne jegliches Baugerüst zu bestaunen. Die Rakotzbrücke hat einen literarischen Charme, kann zwar nicht überschritten werden, doch schaut sie nebst Spiegelung im Wasser und der direkt daneben angeordneten Basaltsäulen immerhin erstaunlich gut aus. Etwas praktischer, wenn man doch schon im Landkreis Görlitz ist, ist sodann natürlich das Städtchen Görlitz. Dessen historischer Altstadtkern blieb von kriegerischer Zerstörung beinahe vollständig verschont und es finden sich dort vielerlei architektonische Phasen, Renaissance- und Barock-Bürgerhäuser, sowie natürlich Gebäude der Gründerzeit. Görlitz ist nicht nur die östlichste Stadt Deutschlands, sondern mit seinen über 4.000 größtenteils restaurierten Kultur- und Baudenkmalen das flächengrößte zusammenhängende Denkmalgebiet Deutschlands. Diese kleine, malerische Ansammlung verträumt wirkender Häuser sieht nicht nur beiläufig so aus, als wäre sie einem Wes Anderson Film entsprungen, sondern stellte tatsächlich das vielfach gelobte Surrounding für einen solchen, nämlich für die deutsch-US-amerikanische Filmkomödie Grand Budapest Hotel aus dem Jahr 2014. Auch für andere Filme ist Görlitz bereits als Drehstandort zur Verfügung gestanden. Wer also seinem Instagram einige wirkungsvolle Einträge zukommen lassen möchte, dem seien die Rakotzbrücke und Görlitz ans Herz gelegt. Ob andere, vom Strukturwandel stark betroffene Gegenden des ländlichen, östlichen Sachsens, wie etwa Löbau, einen Besuch wert sind, kann ich nicht generell beantworten; fest steht, dass die Ausbeute an neuen Erfahrungen dort eher gering sein wird.

Von uns mit Herz

Auch was Sachsen angeht, haben wir aktuell die ein oder andere nachhaltige Initiative gefunden, die wir hier gerne erwähnen möchten:

  • Ein Ort des erfahrungsbasierten Lernens: Die ANNALINDE gGmbH betreibt eine multifunktionale und urbane Landwirtschaft in Leipzig – und ist aus der Eigeninitiative und Kreativität von jungen Menschen entstanden. Ziel dieser Initiative ist es, Orte des Austausches und des Lernens zu Fragen des lokalen Anbaus von Lebensmitteln, der ökologischen Vielfalt, des nachhaltigen Konsums und des verantwortungsvollen Umgangs mit Ressourcen zu schaffen. Die Bildungsangebote der ANNALINDE Akademie orientieren sich am Leitbild der Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE). Inhaltlich wird dabei ein Schwerpunkt auf ökologische und gesellschaftliche Themenfelder gesetzt: https://annalinde-leipzig.de
  • Home sweet home für Bienen: Ziel dieses liebevoll umgesetzten Projekts ist es, im städtischen Raum mehr Lebensraum für verschiedene Insekten- und vor allem Bienenarten zu schaffen. Die typischen Lebensräume für bedrohte Arten sind in den letzten Jahrzehnten leider weithin geschrumpft. Ebenfalls sollen durch die begleitenden Maßnahmen Kinder und Erwachsene für das Thema stärker sensibilisiert werden. Die gemeinsame Umsetzung – etwa Bau der „Bienen-Hotels“ – kann vor allem für Schüler einen hohen pädagogischen Wert haben: http://www.geowerkstatt.com

Ich hoffe, dass ich euch einen guten Überblick über das Bundesland Sachsen geben konnte. Natürlich sind wir bemüht, die Informationen dieses Beitrags (der im Juni 2021 online gegangen ist) stets aktuell zu halten.

Quellen

Für diesen Artikel über Sachsen habe ich mich an den folgenden Quellen orientiert – oder habe daraus zumindest nützliche Informationen gewonnen, die euch vielleicht auch interessieren:

  • https://www.leipzig.de/freizeit-kultur-und-tourismus/tourismus/leipzig-entdecken
  • https://www.wegweiser-kommune.de/statistik/leipzig+bevoelkerungszahl-nach-altersgruppen+bevoelkerung
  • https://www.deutschlandfunkkultur.de/andrej-holm-ueber-leipzig-und-gentrifizierung-die-folgen.1008.de.html?dram:article_id=483681
  • https://www.leipzig.travel/de/kultur/geschichte
  • https://www.planet-wissen.de/kultur/ostdeutschland/leipzig/index.html
  • https://www.nytimes.com/2014/09/07/travel/new-berlin-or-not-leipzig-has-new-life.html
  • https://www.dresden.de/de/tourismus/sehen/sehenswuerdigkeiten/top-ten.php
  • https://www.fr.de/meinung/kolumnen/pegida-dresden-sachsen-sehnsuchtsorte-der-rechten-90661710.html
  • https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/bautzen/bautzen-hoyerswerda-kamenz/foerdergeld-strukturwandel-projekte-lausitz-100.html
  • https://kromlau-online.de/der-park/geschichte
  • https://www.goerlitz.de/goerliwood/film/13-Grand-Budapest-Hotel
  • https://www.mdr.de/entdecke/gemeinschaftsgarten-annalinde100.html
  • https://www.landwirtschaft.sachsen.de/bienenhaltung-in-sachsen-12372.html

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