Schafwolle in Europa: ist eine Renaissance in Sicht?

Interview mit Laurent Moussier – Agraringenieur und Gründer von Transhumanz

Seit prähistorischen Zeiten wurden Schafe für ihre Wolle gezüchtet, deren Handel den wachsenden Reichtum des mittelalterlichen Englands ermöglicht hat. Heute definiert die Gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP) dieses Produkt als “Sonderabfall”. Infolge des verstärkten Wettbewerbs durch pflanzliche und synthetische Fasern, der seit 30 Jahren rückläufig ist und der durch Wettbewerbsverzerrungen und veränderte Praktiken zur Zerstörung von Produktionsketten geführt hat, wird Schafwolle heute nur noch als Nebenprodukt der Schafzucht angesehen. Auf europäischer Ebene haben Akteure wie Laurent beschlossen, das Image der Wollbranche wieder aufzuwerten. Erklärungen.

Das Schaf, welches Schaf denn?

Das Schaf (ovis aries) war eines der ersten domestizierten Tiere und ist das Ergebnis einer Selektion des Menschen aus dem Mufflon vor mehr als 10.000 Jahren! Derzeit leben weltweit mehr als eine Milliarde Schafe, davon 40 % in Asien, 20 % in Afrika und etwa 16 % in Ozeanien-Australien, während sich die restlichen Prozent auf Europa und Amerika verteilen. Es existiert eine Vielzahl von Rassen (500 bis 600 auf der Welt), davon etwa 60 in Frankreich, 40 in Deutschland und mehr als 60 in Großbritannien.

Im Laufe der Jahrhunderte hat der Mensch versucht, das Schaf an seine Bedürfnisse anzupassen: Zunächst wurde der jahreszeitlich bedingte Wollwechsel unterbunden, dann wollte man die längere und feinere Unterwolle der bisher genutzten klassischen Wolle vorziehen und schließlich sollte das Schaf beim Schlachter enden, um so Fleisch zu liefern. Man unterscheidet 4 Arten von Schafen: Das Merino-Schaf für seine Wolle, das Landschaf, das Fleischschaf und das Milchschaf.
Die Qualität der Schafwolle ist von Rasse zu Rasse, aber auch von Aufzucht zu Aufzucht sehr unterschiedlich. Diese Variation ist auf genetische Veränderungen und auf die Umwelt, in der das Schaf lebt, zurückzuführen. Die Züchter haben durch ihre verschiedenen Praktiken in Bezug auf den Mähzeitpunkt, das Füttern und die Unterschiede bei der Weide- und Stallaufzucht einen großen Einfluss auf die Qualität des Schaffells.

Die Schafschur ist für das Wohlbefinden unerlässlich. Sie muss mindestens einmal jährlich im Frühjahr stattfinden, um Schädlinge, welche Infektionsquellen darstellen, zu entfernen und um das Eindringen von Parasiten wie Fliegen oder Zecken zu verhindern. Auch soll so ein Hitzeschlag für das Tier vermieden werden. Aber was können wir mit dem Überschuss an Schafwolle von Fleischschafen tun, der von europäischen Verbrauchern immer weniger gekauft wird? Nur in den seltensten Fällen wird sie verkauft, verschenkt oder verbrannt… welch eine Schande!

Nur das Beste für die Wolle: das Merinoschaf, eine Frage des Territoriums und der Maßeinheit Mikron.

Das Merino ist eine Schafrasse aus Südspanien, die wegen ihrer außergewöhnlich feinen Wolle (dreimal feiner als klassische Wolle) gezüchtet wird. Die Faser misst zwischen 14 und 21 Mikron (µ), während die traditionelle Wolle bis zu 80 Mikron misst (es kratzt jedoch bereits sehr ab durchschnittlich 30 µ).
Wenn der größte Teil der Wolle, die wir in Europa kaufen, von Merinoschafen aus Australien (wo es nur 4 Schafrassen gibt), China oder Neuseeland stammt, dann deshalb, weil sie feiner ist. Sie ist jedoch auch aus einer genetischer Kreuzung hervorgegangen und hat allem voran die Aufgabe, die Textilindustrie zu beliefern.

Dennoch gibt es auch in Europa Merinoschafe, die Wolle ausgezeichneter Qualität besitzen – allerdings nur in kleinen Mengen. Das Merinos d' Arles (Kreuzung zwischen einer lokalen Rasse und dem Merino, das z. B. in Frankreich (Provence-Alpes-Côte d'Azur, Isère, Drôme, Korsika, Pyrénées-Atlantiques…) gezüchtet wird, produziert umgerechnet jährlich 9.000 km Wollfasern. Was die Mérinos de Rambouillet anbelangt, ein Prototyp des Wollschafes, das seit 1786 in einer gut durchdachten Blutsverwandschaft in der Bergerie nationale de Rambouillet aufgezogen wird, so produziert dieses eine feine Wolle und trug im 19. und 20. Jahrhundert dazu bei, die Fähigkeiten, mit der Wolle verschiedener Schafrassen umzugehen, in Frankreich und anderswo auf der Welt zu verbessern.

In Großbritannien, wo die englische Wolle, deren Markt mit 30 Millionen Kilogramm pro Jahr trotz eines Rückgangs um 56 % seit 1990 weiterhin floriert, wird hauptsächlich in Yorkshire produziert. Die Wolle ist das Ergebnis von Kreuzungen verschiedener Merinos, die zu einem großen Teil aus Frankreich stammen, aber nur 4 % aller im Vereinigten Königreich verwendeten Fasern ausmachen.

In Deutschland ist der Wollmarkt leider marginal geworden, da Schafe in Deutschland hauptsächlich als Landschaftspfleger, statt als Fleischlieferer angesehen werden und es außerdem immer weniger Züchter gibt. Die Wanderweidewirtschaft (Transhumanz) wird sicherlich mehr und mehr verschwinden bedenkt man die kombinierten Auswirkungen der menschlichen Tätigkeiten, der Ausweitung städtischer Gebiete und des Ausbaus der Infrastruktur.
Es gibt jedoch lokale Initiativen wie z. B. Albmerinos (Strickkleidung, die in Bayern und Baden-Württemberg hergestellt wird) oder Nordwolle (Filzjacken aus Wolle des Rauwolligen Pommerschen Landschafs).

Wissenswertes über Wolle

Schafwolle, die am häufigsten verwendete tierische Faser, wird durch Schneiden – die Schur – gewonnen, die üblicherweise mit einem elektrischen Rasierer erfolgt. Diese Wolle wird dann gewaschen, gekrempelt, gesponnen und gewebt oder gefilzt. Sie lieferte lange Zeit das nötige Zubehör für Spindeln, Spinnräder und Webstühle und war eine der Säulen der europäischen Industrialisierung.

Wolle ist ein guter Wärmedämmstoff, zumal sie aus fast 80 % Luft besteht. Sie kann auch sehr leicht Feuchtigkeit aufnehmen (1 kg Wolle enthält ca. 150 g Wasser).
Sie ist relativ dehnbar, aber es ist schwierig, ihre ursprüngliche Form wiederherzustellen. Wolle ist ein umweltfreundlicher, nachwachsender Rohstoff, der nicht auf Erdölbasis produziert wird, wie Polyester oder Acryl, und sie benötigt außerdem nur wenig Energie in der Herstellung. Außerdem kann Wolle lokal produziert werden, was beispielsweise bei Baumwolle nicht der Fall ist. Wolle hat auch eine sehr gute Haltbarkeit, die es ermöglicht, langlebige Kleidung herzustellen.

Das von Natur aus fettige Schaffell hält Staub und Pflanzenreste zurück. Die Wolle, auch Rohwolle genannt, wird zunächst gewaschen und getrocknet:
1. Einweichen (um ein Maximum an Erde zu entfernen)
2. Entfettung (Rückgewinnung vom Wollfett)
3. Waschen;
4. Spülen;
5. dann kommt die Trocknungsphase (weder zu lang noch zu kurz – wenn die Wolle zu trocken ist führt dies zu großen Problemen beim kardieren aufgrund von statischer Aufladung und wenn sie zu feucht ist, setzt sich das pflanzliche Material frei und ist verloren).
6. Das Wollfett wird während des Herstellungsprozesses nicht vollständig entfernt, da sonst die Wolle nicht mehr verarbeitet werden kann. Der Großteil des Wollfetts wird jedoch für die Pharma- und Kosmetikindustrie (Lanolin) zurückgewonnen.

Wollqualität:
- Thermoregulatorisch
- Isolierend
- Feuerbeständig (Einzige Fasern, die in Diskotheken, Zügen und Flugzeugen zugelassen sind, da sie keine giftigen Dämpfe ausstoßen)
- Leicht zu reinigen

Die Verarbeitung von Wolle ist viel energiesparender als die Verwendung anderer Fasern auf Erdölbasis wie Nylon, Acryl oder Polyester: Wolle ist ein nachhaltiges Produkt.

Um Wolle zu produzieren ist es unerlässlich, sie zu kardieren und zu kämmen: 2 Prozesse, deren Beherrschung unerlässlich ist, um Qualitätswolle zu produzieren. Laurent sagt uns, dass es nicht leicht ist zu wissen, was diese Praktiken genau beinhalten, die früher in landwirtschaftlichen Betrieben ganz üblich waren. Außerdem gibt es in Frankreich nur noch wenige Kardiermaschinen und nur noch 2 Kardenspinnereien (la filature de Fonty in Rougnat (Creuse), und die filature de Garrot in Castres), die unter anderem Garne verkaufen, die von französischen Herden stammen.

Schäfer, Schäferin: ein Beruf mit Zukunft

Der Beruf des Hirten wird oft mit Klischees in Verbindung gebracht, aber im Gegensatz zu allem, was man vielleicht denkt, ist dieser Beruf gerade wieder im Kommen. Während die Herden 8.000 Jahre lang aufgrund der harten Lebensbedingungen im Sommer nur von Männern gehalten wurden (spartanische Unterkünfte; oft schwierige Wetterbedingungen; viele Stunden zu Fuß unterwegs, endlose Tage, unterbrochen von vielen Aufgaben, die zu erledigen waren: Melken, Käseherstellung, Überwachen der Herden, manchmal auch der Angriff eines Bären…), finden sich seit den 1990er Jahren auch immer mehr Frauen in diesem Berufsfeld.

Von diesem Zeitpunkt an hat Europa auch Hygienestandards für die Herstellung von Käse in den Bergen eingeführt. Diese Maßnahme, die hohe Investitionen in einem sterbenden Sektor verlangte, schien zunächst wie ein Todesstoß; tatsächlich wird sie jedoch zur Rettung des Berufs beitragen. Inspiriert nutzen einige diese Chance, um alle Unterkünfte zu modernisieren, indem sie fließendes Wasser und sanitäre Einrichtungen installieren und ein separates Schlafzimmer neben dem Wohnzimmer einrichten. Eine kleine Revolution in der Welt der Schafställe. Frauen können nun den Platz einnehmen. Sie repräsentieren etwa 25% der Hirten. So wie Béatrice, unsere Schäferin und Käseproduzentin in der Ardèche.

Wenn der Beruf nun wieder Leute anzieht, dann weil es jetzt möglich ist, Hirte zu werden, ohne wie im Mittelalter zu leben. Und selbst ein partnerschaftliches Leben ist mittlerweile möglich, gibt es in den Bergen nicht mehr nur männliche Hirten, sondern auch Frauen

Oft kommen diese “neuen” Hirten aus der Stadt, haben dort eine Ausbildung zum Schaf- und Kuhhirten für Wanderweidewirtschaft abgeschlossen. Der Beruf ist technisch anspruchsvoll geworden: die Hirten produzieren guten Käse, kümmern sich um eine 500-köpfige Herde, weisen einen Hund aus der Ferne an, müssen sich dem Wetter anpassen, kennen den Reichtum und die Gefahren der Berge wie auch die Fauna und Flora der verschiedenen Gebirgsregionen. Keiner wird Hirte, der es nicht wirklich will. Was die Frauen betrifft, so schlagen Sie sich in dieser bisherigen Männerdomäne so gut, dass sich einige Bauern mittlerweile weigern, Jungen und Männer anzuheuern, um auf ihre Herden aufzupassen!

Da sich der Beruf des Hirten dem Respekt des biologischen Rhythmus seiner Tiere verschrieben hat, ist es klar, dass die Hirten ihre Tiere impfen und nur dann Antibiotika geben, wenn es absolut notwendig ist (schwere Infektionen, schwere Verletzungen). Das Leiden der Tiere ist daher ein schlechtes Argument, um Wolle und die gesamte Schafzucht zu verurteilen. Im Gegenteil: “Sich dem Tierleid in Kleinbauernstrukturen bewusst zu werden ist ein gutes Argument, um heimische, lokale Wolle (und Fleisch)* zu verteidigen.

Fälle von Tiermisshandlung sind in den meisten Fällen in Industriebetrieben und nicht in kleinen oder mittleren Betrieben festgestellt worden, die in Frankreich häufiger anzutreffen sind. Es wäre auch falsch zu behaupten, dass alle geschorenen Schafe misshandelt werden. Eine besonders barbarische Praxis, das Mulesing, besteht darin, den Schwanz von Schafen abzuschneiden, damit die Wolle nicht durch ihren Kot verschmutzt wird. Verboten in Deutschland seit 2013 und auch in Frankreich und Großbritannien nicht mehr erlaubt. Die Kürzung des Schwanzes und die Kastration sind jedoch unter strengen hygienischen Bedingungen und in Übereinstimmung mit bestimmten Tierschutzvorschriften zulässig.

Die Woll-Branche: welche umweltfreundlichen Lösungen gibt es?

*Da es in Deutschland, Belgien und Frankreich noch einige Wasch- und Kardieranlagen gibt, ist es möglich, Wolle in Europa in kleinen Mengen zu verarbeiten. Bei größeren Mengen ist dies durch einige lokale Initiativen auch möglich, wie z. B. Ardelaine, eine Genossenschaft aus der Ardèche.

Möchte man sie jedoch kämmen lassen, um ein weiches und feines Garn zu gewinnen, das besonders die Eigenschaften der Merinowolle zum Ausdruck bringen soll, so gibt es bis heute nur eine Möglichkeit: in Italien, in Biella in einem piemontesischen Tal. Um ein Kleidungsstück noch lokaler produzieren zu können, wird es zu einem echten Kampf kommen. Es wird notwendig werden, mit den wenigen Museen zusammenzuarbeiten, die noch über eine Kämmmaschine verfügen, welche nicht für die Produktion nach China verkauft wurde. Außerdem müssen Spinner und Stricker gefunden werden, die in der Lage sind, eine Wolle zu verarbeiten, die die hohe Qualität der 1920er Jahre längst verloren hat.

Außerdem ist Merinowolle aus Europa weit entfernt von der Homogenität, Festigkeit und Länge derer aus Australien oder Neuseeland, wo Merinowolle besonders fein geworden ist und wo die Züchter ihre Herde nach Durchmesser und Länge der Fasern auswählen. Gleichzeitig ist dies aber auch eine Chance für alle, die die Wollindustrie erneuern wollen: Produzieren, ja klar! Aber auf ökologische Weise, indem man die Rückverfolgbarkeit des Produktionsweges sichert. Das ist die neue Herausforderung.

Die Wolle hat je nach Reinheitsgrad mehrere Qualitätssiegel:
“Woolmark”: Label für Wolle von gesunden und lebenden Schafen, die gänzlich ohne Zusätze anderer Produkte auskommt.

“Reine Schurwolle”: bezieht sich auf Wolle, der 0,3 % anderer Fasern zugesetzt wurden.

Das Label “Schurwolle” entspricht einer Mischung mit 7 % anderen Fasern.

Alle Bezeichnungen wie “100 % Wolle, 100 % reine Wolle usw.” betiteln Wolle von minderwertiger Qualität oder aus Recycling.

Wolle wird natürlich nie ein veganes Produkt sein. Aber für diejenigen, die von den hervorragenden wärmeregulierenden Eigenschaften und einer geruchshemmenden, antibakteriellen und natürlich feuerbeständigen Faser profitieren möchten, ist es möglich, verantwortungsvoll und umweltfreundlich einzukaufen (z. B.: les laines bretonnes).

Je nach Herkunft der eingekauften Wolle wird eine mehr oder weniger ökologische Züchtung gefördert. Die Weidehaltung von Herden trägt zur Erhaltung von Landschaften und Weiden bei, die effizientere Kohlenstoffsenker als Wälder sind: Wolle von Tieren aus Weidehaltung sollte daher bevorzugt werden, um einen besseren ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen.*
Jedoch kommt ein großer Teil des Einkommens der Züchter aus dem Verkauf von Lämmern für die Fleischproduktion. Der Verbraucher wird hier vor ein schwieriges Problem gestellt.

Man könnte beispielsweise eine Partnerschaft ins Auge fassen, in der sich der Verbraucher verpflichtet, ein Schaf vorab zu kaufen, damit es nur für seine Wolle aufgezogen wird. Der Landwirt verpflichtet sich, das Mutterschaf bis zu seinem natürlichen Tod zu ernähren und es dann einzuäschern. An genau diesem Projekt arbeitet Laurent derzeit in der Grande-Région (Belgien-Luxemburg-Lothringen-Pfalz) und im Elsass.

Vielen Dank an Laurent Moussier, der uns dieses faszinierende Interview gegeben hat. Wir wünschen ihm für sein Transhumanz-Projekt alles Gute!

Porträt von Laurent Moussier

Laurent Moussier

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